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Partizipation

Das Fazit gleich vorweg: Partizipation im Lehren und Lernen braucht eine Weiterentwicklung der Lehrerrolle und des unterrichtlichen Geschehens: „Konsequent gedacht bedeutet Partizipation im Lehren und Lernen letztendlich eine Veränderung der Lehrerrolle vom Wissensvermittler zum Lern-Coach, zum Berater der SchülerInnen“ (Dietscher 2005, 6).

Bei der Partizipation geht es um Teilhabe an der Entscheidungsmacht. Schlägt man im Duden unter Partizipation nach, so findet sich die Definition „Von etwas, das ein anderer hat, etwas abbekommen; teilhaben“. Es geht also darum, dass Lehrkräfte, die de facto die Entscheidungsmacht im Klassenzimmer in ihren Händen halten, die Kinder an dieser Macht teilhaben lassen. In den Sozial- und Gesundheitswissenschaften wird Partizipation als Oberbegriff für demokratische Beteiligungsformen verstanden.

Obwohl diese Gedanken bereits in vielen Schulen Einzug erhalten haben,  treiben sie mitunter recht bescheidene Blüten: Die Schülerinnen und Schüler werden zu ihren Wünschen und Bedürfnissen in irgendwelchen für den Schulalltag nicht wirklich entscheidenden Punkten zur Partizipation eingeladen: „An einem Tag in unserer Projektwoche „Bewegung“ dürft ihr Ideen einbringen, was ihr tun möchtet.“ Und damit hat sich’s.

Wir möchten an dieser Stelle ausführen, wie sich Partizipation aus der Menschen- und Kinderrechtskonvention herleiten lässt und wie Partizipation als durchgängiges Prinzip genutzt werden kann. Wir erachten es für gelingendes und gesundes schulisches Lernen als unabdingbar, dass Kinder ganz im Sinne des WHO-Slogans „Betroffene zu Beteiligten machen“ in allen Bereichen und grundsätzlichen Fragen des schulischen Lebens mitbestimmen können.

Die Forderung nach Partizipation ist nicht etwa neu – man kennt sie aus der Qualitätsbewegung. „Aber relativ neu ist die Vorstellung, durch Partizipation Sozialverhalten, Schulergebnisse und Gesundheit gleichermassen positiv beeinflussen zu können “ (Dietscher 2005, 9).

Partizipation in den Kinderrechten:

Seit März 1997 ist die Uno-Konvention über die Rechte des Kindes in der Schweiz in Kraft. Neben dem besonderen Schutz und der Grundanforderungen für eine gesunde Entwicklung hält die Konvention die Persönlichkeitrechte der Kinder fest. Die Konvention verpflichtet die Erwachsenen, sich bei sämtlichen Entscheidungen am Wohl des Kindes zu orientieren, auch in der Politik und in der Verwaltung. Die Schule ist hier also mitgemeint.

Artikel 12
Das Recht des Kindes, seine Meinung zu allen seine Person betreffenden Fragen oder Verfahren zu äussern und gewiss zu sein, dass diese Meinung auch mitberücksichtigt wird.“

Artikel 13
Das Recht des Kindes, Informationen und Ideen zu erhalten und weiterzugeben und seine eigene Meinung zu äussern, vorausgesetzt, die Rechte anderer bleiben unangetastet.“

Artikel 12 der Konvention verlangt, dass Kinder in Fragen, von denen sie bteroffen sind, ein dem Alter und ihrem Entwicklungsstand angemessenes Mitspracherecht haben. Auch die Schweizerische Bundesverfassung hält in Artikel 12 fest, dass Kinder und Jugendliche ihre Rechte im Rahmen ihrer Urteilsfähigkeit selber ausüben. Die Konvention wurde in die schweizerische Rechtsordnung übernommen, womit ihr von den verschiedenen Behörden des Bundes, der Kantone und Gemeinden entsprechend Rechnung getragen werden muss. Das Legitimation der Partizipation ist in der Schweiz also hinlänglich gegeben. Auch international ist die Kinderrechtkonvention der meistunterschriebene „Völkerrechtsvertrag“ und nur gerade Somalia und die Vereinigten Staaten haben sie noch nicht unterzeichnet.

Die Kinder haben somit in Dingen die sie betreffen das Recht auf angemessene Partizipation. Dieses Recht gehört zu den grundlegenden der gesamten Kinderrechtskonvention (vgl. Unicef et al. 1999, 94). Die Schule ist hier mitgemeint. Kinder müssen in unterschiedlichsten Bereichen des Unterrichts miteinbezogen werden. Dass dies in der Schule noch ein Notstand ist, zeigt auch der Bericht der Unicef über die Situation Kinder und Jugendliche in der Schweiz bezogen auf die Kinderrechte. Er hält fest: „Zwischen den theoretischen Rahmenreglementen und der Partizipation in einzelnen Klassen vermochte sich also der Gedanke der verbindlichen Mitsprache von Kindern im Alltag der Schule bisher kaum durchzusetzen“ (Unicef et al. 1999, 110).

Artikel 16

Das Recht, keiner Einmischung ins Privatleben, in die Familie, Wohnung oder den Briefwechsel oder widerrechtlichen Angriffen auf die Ehre ausgesetzt zu werden.“

Kinder sollen vor Angriffen auf ihre Ehre geschützt werden. Sie besitzen eine Menschenwürde, die im grösstmöglichen Masse geschützt und unberührt bleiben soll, sofern sie nicht die Ehre anderer berührt. Bestimmte Massnahmen und Verhaltensweisen von Lehrpersonen, wenn auch grössten Teils unbewusst, tragen dazu bei, dass genau diese bei den Schülerinnen und Schüler nicht gewahrt wird. Eindrückliche Beispiele zeigt ein, zwar nicht ganz aktuelles, in seiner Kernaussage immer noch zutreffendes Buch von Jürg Jegge (1976).  Hier werden Texte von Schülerinnen und Schülern aus seiner Sonderklasse zitiert und dabei ihre negativen und ehrverletzenden Erlebnisse mit Schule eindrücklich geschildert.

Konsequenzen für den Unterricht

Nimmt man die Forderung nach Partizipation, wie sie in der Kinderrechtskonvention verbrieft ist, wirklich ernst, ergeben sich Konsequenzen für die Lehrkraft und ihren Unterricht. Die Rolle der Lehrkraft verwandelt sich vom Belehrenden hin zum Begleiter und Berater. Drei Kernbereiche lassen sich dabei erkennen:

Partizipation in den Methoden:

Die Kinder haben das Recht, ihre Lernwege in ihrem schulischen Lernen selbst zu bestimmen, soweit sie nicht die Lernwege anderer Kinder damit einschränken. Die Kinder haben Recht, darüber zu entscheiden, wie sie lernen wollen.

Partizipation in den Inhalten:

Die Kinder haben das Recht, die Inhalte ihres schulischen Lernens selbst zu bestimmen, soweit sie nicht die Freiheit anderer Kinder damit einschränken. Die Kinder haben Recht, darüber zu entscheiden, was sie lernen wollen.

Partizipation im sozialen Zusammenleben:

Die Kinder haben das Recht, alle ihr Schulleben betreffenden Fragen und Probleme basisdemokratisch zu regeln, soweit dadurch nicht die Freiheit anderer Schulklassen eingeschränkt wird. Die Kinder haben das Recht auf gleichberechtigte Mitbestimmung im sozialen Rahmen ihrer Klasse und ihrer Schule.

Die von Peschel dargelegten „Stufen der Öffnung von Unterricht“ (vgl. Stufenmodell für Offenen Unterricht) lassen sich also auch aus dem Blickwinkel der Kinderrechte herleiten. Es wird deutlich, dass das Stufenmodell auf jeder Stufe ein mehr an Partizipation gewährt. Während es auf Stufe 1 und 2 noch eng um Partizipation im Lernprozess geht, so beeinhaltet die Stufe drei auch Partizipation im sozialen Zusammenleben.