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Werden die Kinder alleine gelassen?

Lässt man die Kinder im Offenen Unterricht nicht alleine? Es ist als würde ein Kind mitten in ein riesiges und ihm unbekanntes Maisfeld gestellt mit der Aufgabe etwas ganz Bestimmtes zu finden.

Das Maisfeld, als Analogie für das Stoffgebiet in dem sich die Kinder bewegen, gefällt uns sehr. Hier bietet eine schöne Möglichkeit in einer Metapher über Offenen Unterricht zu sprechen und ihn so vielleicht etwas verständlicher zu machen. Wir bauen deshalb unsere anschliessenden Gedanken gerne darauf auf. Dabei betrachten wir das Maisfeld als das Stoffgebiet, welches das Kind erkundet und die Sache, die es finden soll, als die Kernideen der Fächer.

Da wir das Kind doch nicht ganz alleine lassen wollen, geben wir ihm ein Bleistift, ein Gummi und ein Sackmesser mit auf den Weg. Ausserdem befinden sich mit ihm 21 andere Kinder im gleichen Maisfeld.  Zusätzlich sitzt eine Person, die das Maisfeld besonders gut kennt, in der Mitte auf einem hohen Turm, von welchem sie die Sache überblickt. Es soll auch nicht nur etwas ganz bestimmtes, sondern mehrere unterschiedliche Dinge gefunden werden, die auf dem gesamten Maisfeld verteilt sind.

Am Morgen werden die Kinder ins Maisfeld gestellt. Einige Kinder wissen, wo sich einige Gegenstände befinden, denn sie kennen das Maisfeld bereits ein wenig, denn sie wohnen direkt neben an und kommen hier manchmal spielen. Zielstrebig laufen sie dort hin. Andere Kinder haben keine Ahnung. Sie bleiben entweder stehen oder gehen in irgendeine Richtung, in der Hoffnung etwas zu finden. Andere wiederum haben bereits Erfahrung im Suchen von Dingen in Feldern, denn sie leben direkt neben einem Weizenfeld. Sie überlegen sich bereits im Voraus einen Plan wie sie das Maisfeld durchlaufen wollen. Alle sind also irgendwie unterwegs oder stehen erstmal etwas rum. So kommt es vor, dass sich die Kinder an unterschiedlichsten Stellen treffen. Natürlich wollen sie wissen, ob der andere schon etwas gefunden hat. Einige gehen danach zusammen weiter, andere trennen sich sofort wieder.

Ein Kind entdeckt, dass man mit dem Sackmesser Kerben in den Mais zeichnen kann und markiert sich so die unterschiedlichen Wegstrecken. Davon erzählt es wiederum den Kindern, welches es unterwegs trifft und einige fangen nun an entweder die bereits vorhandenen Kerben zu übernehmen oder eigene zu zeichnen, um sich zu orientieren. So wimmelt es im gesamten Maisfeld bald einmal von Kerben und Zeichen, die eine Ecke von der anderen unterscheidbar machen.

Ein weiteres Kind hat Zuhause bei sich eine Karte gesehen und hat sich überlegt, dass sie so was ähnliches vom Maisfeld malen, da sie ja Bleistift und Gummi dabei hat. Sie erzählt den Kindern, welche es trifft, davon. Einige fangen nun an ebenfalls Karten zu zeichnen.

Am Mittag werden viele Kinder hungrig und einige treffen beim Hochturm, um etwas zu essen. Durch lautes Rufen holen sie auch noch die anderen Kinder dazu. Während dem Essen tauschen sie sich aus und erzählen von ihren Erlebnissen. Auch die Person auf dem Hochturm beteiligt sich rege. Nach kurzer Zeit sind alle wieder unterwegs: neugierig, angeregt und erfüllt durch die Erzählungen der anderen Kinder.

Die Person auf dem Hochsitz schaut dem nachmittäglichen Treiben erst einmal mit Spannung zu. Hat ein Kind sein Bleistift oder Blatt verloren, bemerkt und ersetzt sie es. Manchmal geht sie ebenfalls Mitten durchs Feld und spricht mit den Kindern über die Gegenstände, die sie gefunden haben. Manchmal weist sie ein Kind in eine bestimmte Richtung, weil sie weiss, dass sich dort ein weiterer Gegenstand versteckt. Manchmal führt sie zwei Kinder zusammen, weil sie denkt, dass beide ganz unterschiedliche Gegenstände kennen. Nicht immer bleiben die Kinder jedoch zusammen. Manchmal versteckt sie auch neue Gegenstände.

Am Abend gehen die Kinder glücklich nach Hause. Jeder hat etwas erlebt und gefunden. Manche mehr und manche weniger. Einige waren zu müde und haben sich immer wieder ausgeruht. Andere gaben sich mit vier Gegenständen zufrieden und haben sich darauf beschränkt, diese immer wieder, so schnell wie möglich, zu finden. Wiederum andere haben sich gegenseitig neue Gegenstände versteckt, weil sie bereits alle gefunden hatten. Einige haben sich einen sehr detaillierten Plan gemacht und andere brauchten oder wollten das nicht, weil sie sich auch ohne orientieren konnten.

Anmerkung zum Schluss:

“[D]ie Freiheit auf Seiten der Kinder durch die Sachstrukturen [ist] bereits so vorgezeichnet, dass das bewusste Loslassen kein Im-Stichlassen, kein Allein-lassen ist, sondern die ehrliche Rücksicht auf die Interessen und die vorhandene Lernbegeisterung des Kindes.” (Peschel 2006a, 152)

Das Bild des Maisfeldes ist deshalb eigentlich nicht die ideale Metapher für ein Stoffgebiet, da es sich nicht um eine Monokultur handelt. Das Stoffgebiet bietet an und für sich bereits viele Orientierungspunkte. Das Bild eines Mischwaldes oder einer bunten Sommerwiese wäre hier wohl angebrachter.