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Stufenmodell für Offenen Unterricht

Falko Peschel hat in Anlehnung an Brügelmann ein Stufenmodell der Öffnung von Unterricht entwickelt, das die Freiheitsgrade schematisch ordnet, über die ein Kind im Unterricht verfügt.

Die meisten Formen, die gängigerweise unter „offenem Unterricht” laufen, stellen lediglich eine Verlagerung des lehrerzentrierten Unterrichts ins Material dar. Sogenannter „materialzentrierter Unterricht”, der nur gewisse Freiheiten im organisatorischen Bereich gewährt, sieht Peschel lediglich als Vorstufe für einen Offenen Unterricht an und kennzeichnet sie als Stufe O

Die Öffnung von Unterricht beginnt dort, wo das Kind wirklich auf eigenem Weg lernen kann und keine Materialvorgaben abarbeiten muss, sondern sich Lehrkraft und Material dem Kind anpassen. Wir bezeichnen dies als natürliche Differenzierung im methodischen Bereich, Peschel spricht dabei von einer „Individualisierung von unten” (durch den Schüler).

Die methodische Öffnung stellt die Grundbedingung für jede qualitative Öffnung von Unterricht dar, indem sie die Beziehung zwischen Kind und Stoff wirklich freigibt. Sie ist somit die erste Stufe der Öffnung. Sie basiert auf Erkenntnissen der Lernpsychologie, wonach Lernen ein eigenaktiver, individuell-kontruktivistischer Prozess ist, der bei jedem Kind anders verläuft und in dem Fehler und Umwege, Stagnation und Lernsprünge nicht nur toleriert, sondern erwünscht sind.

Die zweite Stufe der Öffnung ist die Erweiterung um die inhaltliche Dimension. Etwas vereinfacht gesagt geht es dabei im Kern um interessegeleitetes Lernen. Wenn mich etwas interessiert, dann lerne ich begeistert, schnell und leicht – und ohne die missmutige Anstrengung, die wir Erwachsenen oft mit Lernen in Verbindung bringen. Für gelingenden Unterricht bedeutet dies, dass nicht nur das „Wie”, die Methoden, sondern auch das „Was”, die Inhalte, von der Lehrkraft freigeben werden.

Die dritte Stufe der Öffnung betrifft schliesslich alle Aspekt des sozialen Miteinanders. Auf dieser Stufe wird das soziale Zusammenleben, die Regelfindung, die Lösung sozialer Probleme und die Gestaltung der gemeinsamen Schulzeit in die Hände der Kinder gelegt. Sie ermöglicht es, dass Regeln nicht einfach befolgt werden, weil sie verfügt wurden, sondern weil ein gemeinsamer Problembewältigungsprozess die Einsicht in die Notwendigkeit einer Regel hat wachsen lassen. Die Kinder bilden aus dem demokratischen Miteinander eine eigene Regel- und Sozialstruktur heraus.

Dieser Prozess ermöglicht es, auch Kindern zu integrieren, die auf Grund ihrer Biographie nicht ein von aussen vorgegebenes Regelschema passen oder sich nicht so schnell anpassen können. Die partizipativ-integrative Kultur verhindert, dass Kinder vorschnell etikettiert oder gar segregiert werden.

Aus unserer Sicht ist die im Kanton Bern anvisierte Integration der Sonderklassen nur umsetzbar, wenn damit eine grundlegende Öffnung des alltäglichen Unterrichts in den Regelnklassen einhergeht. Die bisher in Kleinklassen A (Lernschwächen) und D (Entwicklungsverzögerungen) geschulten Kinder können nur in Regelklassen integriert werden, wenn sie dort einen Unterricht der Stufe 2 vorfinden, der es Ihnen ermöglicht, interessegeleitet in ihrem individuellen Tempo auf eigenen Wegen Lernfortschritte zu machen. Werden sie als „Langsame” oder „Begriffsstutzige” Kinder mit riLz in einen sonst homogenen Unterricht eingefügt, werden genau die Bedingungen reproduziert, deretwegen die Kinder ja ausgesondert wurden. Integration verlangt nach natürlicher Differenzierung im methodischen wie inhaltlichen Bereich.

Kinder mit Verhaltensproblemen (Kleinklassen B) brauchen aus unserer Sicht sogar einen Unterricht der Stufe 3, in welchem sie zuerst einmal so akzeptiert werden, wie sie sind. Sie werden partizipativ in den Regelbildungsprozess der Klasse einbezogen und nicht vorschnell an einem bereits vorgegebenen Regelkanon gemessen, den sie sowieso nicht einhalten können – darum wurden sie ja ausgesondert. Integration verlangt nach natürlicher Differenzierung im sozialen Bereich.

Stufen der Öffnung von Unterricht

Stufe 0: Die organisatorische Öffnung als Vorstufe “Geöffneter Unterricht” – nicht “Offener Unterricht”.

Organisatorische Öffnung durch “Differenzierung von oben” (durch den Lehrer).
Arbeitsformen: Freie Arbeit, Wochenplan, Werkstätten, Stationen etc.
Lernen muss Passung haben (lernpsychologisch-didaktische Begründung).

Stufe 1: Die methodische Öffnungals Grundbedingung für jeden “Offenen Unterricht”

Methodische Öffnung durch “Individualisierung von unten” (durch den Schüler).
Arbeitsformen: Reisetagebücherunterricht (Ruf/ Gallin 1998)
Lernen ist ein eigenaktiver Konstruktionsprozess des Einzelnen (lern- und ent-wicklungspsychologische Begründung).

Stufe 2: Die methodische und inhaltliche Öffnungals weitgehende Umsetzung eines “Offenen Unterrichts”

Zusätzlich zur methodischen auch inhaltliche Öffnung durch stoffbezogene Mit- / Selbstbestimmung bzw. interessegeleitetes Lernen des Schülers.
Arbeitsformen: “Didaktik des weißen Blattes” (Zehnpfennig 1992; Peschel 2002)
Lernen ist am effektivsten, wenn es vom Lernenden als selbstbestimmt und signifikant erlebt wird (lern- und motivationspsychologische Begründung).

Stufe 3: Die soziale ÖffnungAls grösstmögliche Partizipation

ist die Öffnung des Unterrichts in Richtung Demokratie und Selbstverwaltung
Soziale/ persönliche Öffnung durch Basisdemokratie und Schülermitgestaltung (Unterrichtsablauf, Rahmenbedingungen, Regelstrukturen etc.)
Arbeitsformen: “Didaktik der sozialen Integration” (Peschel 2002)
Soziale Erziehung ist am effektivsten, wenn die Strukturen vom Einzelnen selbst mitgeschaffen und als notwendig/ sinnvoll erlebt werden (bildungstheoretisch-politische Begründung).