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Lernbegleitung

Meist in Zusammenhang mit offenen Unterrichtsformen werden mit der Lernbegleitung eine ganze Reihe von Zielen in Verbindung gebracht: Die Kinder entwickeln mehr Selbständigkeit, eine bessere Selbstorganisation und höhere Selbstregulation, individuell-konstruktivistische Lernprozesse, dadurch machen sie mehr Selbstwirksamkeiterfahrungen und eine Selbstwirksamkeitserwartung als Basis für weiteres Lernen wird geschaffen. Die Lehrkraft hat durch offenere Unterrichtsformen mehr Zeit für die individuelle Lernbegleitung und kann so den Kindern „massgeschneidert“ Unterstützung bieten für die nächsten Lernschritte. Enthusiastisch wird die Rollenverschiebung der Lehrkraft vom Belehrenden hin zum Lernbegleiter gefeiert. Schaut man dann genauer hin, welche konkreten Vorschläge gemacht werden, wie Lernbegleitung gelingen soll, so geht es, von löblichen Ausnahmen mal abgesehen, meistens leidiglich um die gleiche Problematik, die generell mit der Öffnung von Unterricht einher geht. Es findet eine Verlagerung des Lehrerzentrierten Unterrichts ins Material statt. Die Kinder müssen nach wie vor einen vorgegebenen Lehrgang absolvieren, nun einfach in Form von Wochenplan, Postenarbeit, Werkstatt, etc. Es findet zwar eine Öffnung im organisatorischen Bereich statt, jedoch keine wirkliche Öffnung im Bereich der Methoden, der Inhalte oder gar des sozialen Zusammenlebens und -lernens.

Ein solch materialzentrierter Unterricht ist nun nicht minder lehrerzentriert, nur weil die Anweisungen netter verpackt und schöner aufbereitet sind. Die Lehrkraft hat sich zwar durch die Verlagerung ihrer Anweisungen ins Material mehr Zeit verschafft für die individuelle Begleitung, die Frage ist aber, ob dadurch wirklich die anvisierten Ziele erreicht werden: Von Lernbegleitung kann aus unserer Sicht nur gesprochen werden, wenn auf Schülerinnenseite echte Freiheit auf allen Stufen der Öffnung besteht (Inhalte, Methoden, Sozialleben), denn nur dann werden Ziele wie Selbstorgansiation, Selbstregulation, Eigeninitiative und Eigenaktivität, individuell-konstruktivistische Lernprozesse, Selbstwirksamkeiterfahrungen und derlei mehr auch möglich. So bleiben die erwähnten Ziele nicht nur als flotte neue Ettiketten zu einem nach wie vor Lehrergesteuerten Unterricht kleben, in welchem Lernbegleitung vor allem bedeutet, die Kinder mit subtilen Plänen und versteckten Anweisungen in den alten Lehrgang zu gängeln. Ein mehr an individueller Hilfe auf dem vorgeschriebenen Lernweg durch eine offenere Unterrichtsorganisation erfüllt aus unserer Sicht die Anforderungen an eine moderne Lerngleitung nicht.

In unserer Vorstellung von Lernbegleitung geht es darum, dass die Lehrkraft die Kinder in ihren persönlichen Vorhaben wirklich massgeschneidert unterstützt:

„Es geht also nicht mehr darum, den Schüler „dort abzuholen, wo er steht“, um ihn dann zusammen mit den andrern zu der Stelle zu führen, wo sich der Stoff gerade befindet, sondern es geht um die Freigabe der Beziehung von Schüler und Stoff.“ (Peschel 2005a, 173)

Erst auf diesem selbstbestimmten Weg in selbtgewählten Lerninhalten kann die Lehrperson zur echten Begleiterin werden. Von aussen gesehen verhält sich die Lehrkraft sehr zurückhaltend und greift kaum regulierend in Lernprozesse ein, sondern leistet dort Hilfe und Unterstützung, wo sie verlangt ist. Ausgangspunkt ist dabei das Kind mit seinen Wünschen und Interessen, mit seinen Lernabsichten. Die Lehrkraft unterstützt und hilft, wenn das Kind danach verlangt. Sie achtet dabei darauf, dass die Freiheit des Kindes im methodischen, inhaltlichen und sozialen Bereich bestehen bleibt und gibt auf Anfrage lediglich weitere Impulse und Anregungen, wenn der Lern- und Arbeitsprozess des Kindes ins Stocken gerät. Zwar hat die Lehrkraft ständig den Entwicklungs- und Lernstand des Kindes mit Blick auf den Lehrplan im Auge, ohne jedoch Teilleistungen daraus zu forcieren oder abarbeiten zu lassen. Sie hat Vertrauen in den individuell-konstruktivistischen Prozess eines jeden Kindes, so unterschiedlich sie auch sein mögen. Selbstverständlich beschäftigt sich die Lehrkraft selbst intensiv mit dem Lernstoff, der vom Lehrplan vorgegeben ist, und mit den Inhalten, mit denen sich die Kinder aktuellerweise beschäftigen. So hat sie stets die Möglichkeit, durch kleine Impulse, Feedbacks und Hinweise Lernprozesse zu bereichern und ins Stocken geratene Prozesse wieder in Bewegung zu bringen. Sie ist „Ansprechpartner, Materialliterant und Lernförderer“ (ebd. S. 173) . Das Verhalten der Lehrkraft könnte mit einem „hochqualifizierten Nichtstun“ wohl recht treffend umschrieben werden, auch wenn dadurch sicher viele Missverständnisse provoziert werden.

Anders beschrieben werden könnte dieses Lehrerverhalten auch mit dem didaktischen Imperativ von Christian Klager (2008):

„Handle so, dass du deinen Schülern keinerlei Arbeiten abnimmst, die sie selbst und eigenständig leisten können. „

Damit ist in keiner Weise gemeint, dass die Kinder nun alleine gelassen werden sollen. Selbstverständlich braucht es eine Lehrkraft, die das Kind auf seinem Lernweg begleitet, ein offenes Ohr hat für Fragen, Probleme und Ideen. Wichtig ist aber, dass dem Kind der Raum gewährt wird, indem es wirklich Selbst- und Sachkompetenz erwerben kann. Es braucht die stete Hilfsbereitsschaft der Lehrkraft, aber eben nicht die permanente Hilfestellung, die den Weg für die eigene Konstruktion des Kindes bereits versperrt. Die vermeintliche Hilfe wird sonst zur entwicklungshemmenden Beschränkung und Bedrängnis. Maria Montessoris reformpädagogische Forderung „Hilf mir, es selbst zu tun!“, muss in diesem Sinne noch weiter eingeschränkt werden: Hilfe soll zwar stets vorhanden sein und mit aller Einfühlsameit und allem Sachverstand auch gewährt werden, sie soll aber nur dann angeboten werden, wenn sie erfragt oder gar verlangt wird.

Selbstverständlich bringt dieses Gewährenlassen einige Umwege und Verzögerungen mit sich, und dies ist auch gut so: Lernen erfährt eine Entschleunigung. Die Forderung nach Effizienz und Reibungslosigkeit als Kriterien für guten Unterricht, wie sie etwa Hilbert Meier mit der Forderung nach klarer Strukturierung aufstellt, verlieren ihre Bedeutung, wenn der Lehrer dem Wunsch nach einem störungsarmen Unterrichtsverlauf widerstehen kann und stattdessen das individuellen Lernen jedes Kindes ins Zentrum seines Handelns stellt.